Was ist Achtsamkeit

 

In der Alltagspsychologie wird darunter meist Aufmerksamkeit verstanden. Seit dem Aufkommen körperorientierter Psychotherapieformen in den 1960ern und 1970ern erfährt dieser Begriff in der Psychotherapie eine Bedeutungsverschiebung in Richtung der buddhistischen Tradition. Darunter wird eine geistige Haltung verstanden, die alles in die Wahrnehmung einschliesst, was sich im gegenwärtigen Augenblick zeigt.

Das Leben besteht aus Augenblicken und geschieht jetzt!

Dieser Vorgang hat nichts mit Denken oder Reflektieren zu tun. Wenn wir etwas sehen, hören, schmecken, riechen oder spüren, denken wir normalerweise gleich über diese Dinge nach, indem wir assoziieren, vergleichen oder beurteilen. Damit entfernen wir uns jedoch von der reinen Wahrnehmung und verhindern ein Leben in der Gegenwart, ein Leben im Hier und Jetzt. 

Bei der Achtsamkeit handelt es sich um eine Art ungerichtete Aufmerksamkeit. Wir nehmen gleichzeitig wahr, was sich in unserem Bewusstsein (Erinnerungen, Pläne, Vorstellungen, Gefühle…) und in unserer Umgebung abspielt. 

Diese geistige Haltung wird häufig als Panorama-Bewusstheit bezeichnet und kann trainiert und entwickelt werden, indem der Aufmerksamkeitsfokus nach und nach ausgedehnt wird. Die Praxis der Achtsamkeit hilft uns auch dabei, die anderen Menschen wahrzunehmenund dementsprechend zugänglicher und rücksichtsvoller zu werden.

Der Unterschied zur Konzentration wird an dieser Stelle deutlich: Bei der Konzentration wird die Aufmerksamkeit auf ein Objekt oder auf einen (selbst) bestimmten Bereich des Erlebens gerichtet, wie das z.B. bei Trance-Reisen oder bestimmten "Meditationen" angezeigt ist. 

Die Wahrnehmung ist dabei eingeschränkt, kann jedoch gleichzeitig stark geschärft sein und z.B. für therapeutische Zwecke oder Mentaltraining erfolgreich eingesetzt werden.

Jon Kabat-Zinn hat den Unterschied folgendermassen beschrieben:

"…so intensiv und befriedigend es auch sein mag, sich in der Konzentration zu üben, bleibt das Ergebnis doch unvollständig, wenn sie nicht durch die Übung der Achtsamkeit ergänzt und vertieft wird. Für sich allein ähnelt die Konzentration einem Sich-Zurückziehen aus der Welt. Ihre charakteristische Energie ist eher verschlossen als offen, eher versunken als zugänglich, eher tranceartig als hellwach. Was diesem Zustand fehlt, ist die Energie der Neugier, des Wissensdrangs, der Offenheit, der Aufgeschlossenheit, des Engagements für das gesamte Spektrum menschlicher Erfahrung. Dies ist die Domäne der Achtsamkeitspraxis…"

Durch Selbstreflexion können wir unsere Denk- und Gefühlsmuster, unser Verhalten und unseren Umgang mit uns selbst und anderen beleuchten und verändern. Das ist wertvoll und äusserst nützlich. Allerdings sind der Selbstreflexion - als Denkprozess verstanden -Grenzen gesetzt: Ich kann mich nur in dem Masse selbst erkennen, wie mein Denken, das vorwiegend auf meinen biographischen Erfahrungen beruht, es zulässt. 

Wir denken sozusagen über unser Denken, Fühlen und Verhalten nach. Unbewusste Motive, Glaubenssätze und Erwartungen, die unser Denken, Fühlen und Verhalten steuern, sind durch Selbstreflexion nur begrenzt zugänglich.

Durch Achtsamkeitstraining lernen wir, unsere inneren Prozesse und Empfindungen urteilsfrei zu beobachten und zu akzeptieren. Dies baut Selbstbewusstsein auf, was im Umgang mit Menschen und Tieren eine ausserordentlich wichtige Rolle spielt.

Achtsamkeit ist auch der Schlüssel zur Empathie. Wir wissen alle, wie wichtig Empathie (mitfühlendes Verstehen) im Führen und Begleiten von Menschen und Tieren ist. Um wirklich empathisch sein zu können, ist es von grösster Bedeutung, diese Qualität in uns selbst zu kultivieren. Andernfalls stellt sie nur eine Technik dar, die nicht ausreicht, um eine echte Beziehung mit einem Menschen und Tieren einzugehen.

Achtsamkeit dient nicht nur der Beleuchtung der inneren Prozesse, sondern erweitert auch unser Bewusstsein für die äusseren Vorgänge. Wir nehmen Situationen, Tiere und unsere Mitmenschen direkt, d.h. ohne Beteiligung unserer mentalen Filter, wahr. Dies ermöglicht ein Agieren anstatt ein Re-agieren auf die Dinge. Die Achtsamkeit, d.h. das bewusste Erleben dessen, was gerade passiert, beeinflusst unter anderem unsere Kommunikation beträchtlich.

Achtsamkeit lässt uns zudem den Unterschied zwischen Interpretationen, Projektionen und Intuition erkennen. Wir reinigen uns von eigenen Anhaftungen, sind präsent ohne involviert zu sein und werden so offen für intuitive, emphatische Wahrnehmungen der Bedürfnisse unserer Umwelt. Wir tauchen ein in die Synchronizität der Geschehnisse, werden Teil des Alleins, ohne uns dabei aufzulösen. Wir lernen, dem natürlichen Fluss von Situationen und Begegnungen zu wahrhaftig zu folgen, ohne ihn steuern zu wollen.

Bedeutsame Elemente des Achtsamkeits- und Intuitionstrainings sind:

• Wahrnehmungsschulung mit allen Sinne

• Lernen, gleichzeitig Beobachter innerer und äusserer Prozesse zu sein

• Wahrhaftigkeitsschulung

• Selbst – Bewusst - Sein

• Sein im Hier und Jetzt

• Empathieerweiterung

• Hingabe in den Fluss der Synchonizität

Vorteile der Achtsamkeits-Praxi:

Das Ausmass meiner persönlichen Freiheit und Selbstbestimmung hängt davon ab, wie bewusst ich bin. Ein Grossteil unseres alltäglichen Verhaltens erfolgt nahezu automatisch und damit weitgehend unbewusst. Wir reagieren auf sich wiederholende Bedürfniszustände und Situationen mit angelegten und erlernten Verhaltensweisen. Wenn mir etwas bewusst ist, erweitern sich meine Verhaltens- und Handlungsmöglichkeiten. Das Leben gewinnt an Qualität und Intensität.

Achtsamkeits-Training für die Persönlichkeitsentwicklung:

Wir sind uns seit unserer Kindheit gewohnt, unseren Wert (und was wir sind) über unser Tun zu definieren. Beim Achtsamkeits-Training üben wir uns darin, das Tun bewusst zu unterbrechen, das normalerweise unser Leben bestimmt. Wir machen nichts ausser aufmerksam und wach zu sein und uns dem gegenwärtigen Augenblick hinzugeben. Wir lernen, von einem Aktions-Modus in einen Seins-Modus zu wechseln, in dem alle Aktivitäten - auch die des Geistes - zur Ruhe kommen. Dies stellt für uns natürlich eine besondere Herausforderung dar, wird uns doch von klein auf "die Tugend der Aktivität" vermittelt!

Beim Achtsamkeits-Training geht es in erster Linie darum, Zeit für uns zu reservieren, Entspannung zuzulassen und uns selbst zu akzeptieren, wie wir sind. Wir lernen, unseren Geist zu beruhigen und unseren Atem, unsere Körperempfindungen, Gefühle und Gedanken urteilsfrei zu beobachten, ohne uns von ihnen beeinflussen oder davontragen zu lassen, aber auch ohne sie festzuhalten.

Die Praxis hat gezeigt, dass der Beginn der Achtsamkeitspraxis idealerweise entweder über den Atem oder den Körper erfolgt. Erst danach werden die Gefühls- und Gedankenebene miteinbezogen.

Mit Beobachten ist ein Vorgang gemeint, der dem eines "Zeuge-Seins" nahe kommt. Sobald wir beginnen, unsere Aufmerksamkeit zu entwickeln und zu beobachten, wie unser Geist sich verhält, dürften wir bald feststellen, dass unsere Gedanken weitaus mehr um Vergangenes oder Zukünftiges kreisen als um Gegenwärtiges. Folglich können wir uns dessen, was in einem gegebenen Augenblick alles geschieht, nicht voll bewusst sein. Dieses Nicht-bewusst-sein kann unser Leben stark beeinträchtigen in dem Sinn, dass wir in Situationen automatisch - d.h. unbewusst - reagieren, anstatt bewusst zu agieren. Durch Achtsamkeitstraining werden uns die eigenen Automatismen, Überzeugungen, Glaubensätze, Denkmuster nach und nach bewusst. Im Laufe regelmässiger Übung wird offensichtlich, wie sie unser Verhalten beeinflussen und unsere Handlungen steuern. Da sich mit der Zeit die Identifikation mit unserer Gedanken und Gefühlen durch das urteilsfreie Beobachten auflöst, eröffnet sich uns die Möglichkeit, auf unser Leben steuernd einzuwirken. Dieser Bewusstseinsprozess wird Disidentifikation genannt und unterstützt uns dabei, starre Denkmuster und automatisierte Gefühlsreaktionen loszulassen.

An dieser Stelle wird uns meist auch klar, dass die Verantwortung für unser Leben bei uns liegt und wir letztlich selbst bestimmen, wie wir unser Leben gestalten. Diese Erkenntnis hilft uns, ein authentisches Leben zu führen, das von Mitgefühl, Freiheit, Lebensfreude, Integrität und Klarheit geprägt ist.

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